“Der revolutionäre Internationalismus und der ‘Renegat’ Trotzky.” Photocopy, 1929 November-1929 December

Online content

Fullscreen
ORGAN DES PROLETARISCHEN GESUNDHEITSDIENSTES

Nr. 41/12

NOV./DEZ. 1929

&. JAHRGANG

Arbeiter!

Das Biirgertum und eine im biirgerlich-
parlamentarischen Sumpfe schwimmende
Cliquevon ,,Arbeiter’-Berufspolitikern buhlen
wiederum um eure Stimme. Wieder ein-
mal diirft ihr euer ,,Staatsbiirgerrecht” ge-
brauchen und einigen Auserwahlten oder
einer auserwdhlten Partei die Vollmacht
iibergeben, das ,,Wohl” der Arbeiterklasse
zu _,,vertreten”.

Habt ihr denn in den Parlamenten des
Ausbeuterstaates etwas zu _ ,,vertreten’?
Nein! Durch die Wah! ermoglicht ihr erst
jede Arbeitsgemeinschaft mit den Ausbeutern.
Der Glaube, den Besitzenden im Parlamente
langsam ein Stitck nach dem andern ihrer
wirtschaftlichen oder politischen Macht ent-
reiSen zu k6nnen, ist eine Illusion. Der
Glaube an die Méglichkeit einer revolutio-
naren Politik in den Parlamenten ist eine
noch schlimmere Illusion. Noch schlimmer
deshalb, weil er die besten kampfgewillten
Proletarier vom wirklichen Kampfe um ihre

Klassengenossen!

Klasseninteressen fern halt. Wen ihr auch
immer wahlen moget, stets ist es ein Sieg
des Klassenfeindes. Denn durch die Wahl
unterordnet ihr euch den Gewihlten, ver-
starkt die im Proletariat wuchernden parla-
mentarischen Illusionen.

Die Formen, hinter denen sich die
kapitalistische Diktatur verbirgt, die Formen
der biirgerlichen formalen Demokratie, das
sind die Gewerkschaften, das Betriebsriite-
gesetz, die Parlamente. Die Formen der
proletarischen Demokratie und somit der
Arbeiterklassen-Diktatur aber entstehen dort,
wo der Kampf und das KlassenbewuBtsein
taglich neu geboren werden, im Betriebe:
das revolutionare Ratesystem.

Darum Klassengenossen, organisiert euch
im Betriebe, auf den Nachweisen, ohne
Bindung an das Gesetz! Werft keinen
Stimmzettel in die Urne!

Nur die allergréBten Kalber
Wahlen ihre Metzger selber.

Der revolutionadre internationa-
tionalismus und der nRenega 66
Trotzky. Ht D

Far manchen revolutionéren Kommu-
nisten mag Trotzkis Rickkehr zur Komintern
eine grofe Enttéuschung gewesen sein.
Mancher von Trotzkis Anhangern versucht
nun, seinen Umfall als ein taktisches Ma-
néver hinzustellen. Auch die Komintern
mu6 sich erst von einem gelinden Schreck
erholen, und kann noch gar nicht glauben,
dab Trotzki, Radek und Kumpanei, daf der
ganze orthodoxe und orthodoxeste Leninis-
mus wieder in Stalins vaterlihe Obhut
zurickkehren will. Die ,Rote Fahne“ schimpft
noch auf den _ ,Konterrevolutionér* und
»SOzialdemokraten” Trotzki, der sich blofb

in die Partei drangeln will, um Stalin und
seine deutschen Remmler — die eben erst
die Thélmannklique zerschmettert haben —
zu &rgern; scheinbar wird ihm noch die
Aufnahme in die Partei verweigert.

In Wirklichkeit gehen diese ,Taktiken“
aber nur an der Oberflache vor sich. Trotzlzi
wird genau so wie Sinowjew, Kamenew
und die andern, mit denen er im Grunde
nur die eine Differenz ber den giinstigsten
Zeitpunkt der Kapitulation hatte, wieder zur
Parteiarbeit und zum_ Staatsdienst zuge-
zogen werden. Denn Trotzki hat nicht nur

jetzt eine ebrliche ,Kapitulation” ausge-
sprochen, sondern weit mehr, er hat sich
nie von den Grundlagen des Stalin’schen
Sowjetstaates entfernt.


Trotzki brauchte nicht erst zu_,,kapitu-
lieren“, denn er stand immer mit Stalin
grundsatzlich auf einer Linie. Wo Trotzki
Sich zu schérferen Formulierungen gegen-
tiber dem Sowjetstaat hinreifben lie6, sind
dies Entgleisungen von seirer Grundlinie.
So konnte es ihm auch nicht schwer fal en,
in seiner Plattform zum 15. Parteitag ein
ganzes Kapitel tiber die ,,eingebildeten
Differenzen“ zu schreiben, in dem er eifrig
Dunkel verbreitet ,,tiber die wirklichen Diffe-
renzen“, die zwischen der Parteimehrheit
und den konsequenten proletarischen Kri-
tikern im Gefolge der Trotzki-Opposition —
wie Sapronow — bestanden. Ein Satz aus
dieser Zusammensiellung von_,,Wirklichkeit
und Einbildung“ sei als klassisches Zeugnis
festgehalten: ,Wenn wir mit Lenin sagen,
daB zum Aufbau einer sozialistischen Ge-
sellschaft in unserm Lande der Sieg der
proletarischen Revolution noch in einem
oder in mehreren fortgeschrittenen kapita-
listischen Landern notwendig ist, da6& der
Sieg des Sozialismus in einem Lande, wie
Marx, Engels, Lenin bewiesen, unmdglich ist,
dann schreibi uns die Stalingruppe die An-
schaffung zu, da6B wir an den Sozialismus
und den sozialistischen Aufbau-in USSR.
nicht glauben.“ In diesem einen Satz ist
mehr Konfusion und Widerspruch als in
samftlichen Biichern zusammen, denen Trotzki
Konfusion nachgewiesen hat; wie kann man
den Sozialismus in einem Lande leugnen
und sich gleichzeitig entriisten, wenn einem
»Unglaube“ an den Sozialismus in einem
Land vorgeworfen wird? AufschluB dber
dieses Kunststiick gibt Trotzkis neueste
Broschire: ,,Die Verteidigung der Sowjet-
republik und die Opposition“ (anlablich des
Russisch-Chinesischen Konflikts). In dieser
Schrift zeigt der Trotzkismus sein wahres
Gesicht seit etlichen Jahren wieder einmal
unverhillt. Die Jahre des Kampfes mit
Stalin konnten die Gesichtspunkte etwas
verschieben, denn wahrend dieser Zeit war
Trotzki gezwungen, sich in starkerem Mabe
als friher auf die internationale proleta-
trische Bewegung zu stiitzen. Er verfocht
wéhrend dieses Kampfes die These, daf far
das Gedeihen Ruflands eine aggressive
Politik der Komintern gegeniber der inter-
nationalen. Bourgeoisie notwendig sei. Der
scheinbar proletarische Standpunkt des da-
maligen Trotzkismus erhalt nun durch die
neue Schrift eine ndhere Erklérung: Die
proletarische Bewegung in der Welt _ ist

einzig zu dem Zwecke zu férdern,"um der

Sowjetunion eine Abwehrarmee gegen et-
waige Angriffe zur Verfigung zu stellen. Es
besteht fir Trotzki kein Zweifel, und es hat
ihm nie ein Zweifel bestanden, an dem
proletarischhen Charakter des Russischan
Sowjetstaates. Aber noch weiter, far Trotzki
steht, und hat selbst in der Zeit der hef-
tigsten Auseinandersetzung mit Stalin ge-
standen, im Mittelpunkt der gesamien inter- ,
nationalen Bewegung: die Sowjet-Union.
Selbst in seiner am meisten internationa-
listischen Schrift, der Kritik des Programms
der KI. ist der Grund aller ,revolutionaren“
Theorien die Sorge um das aufenpolitische
Schicksal Rublands: ,,Wenn Stalin’ und
Bucharin beweisen wollen, da6& die USSR.
auch ohne die ,staatliche Hilfe des auslan-
dischen Proletariats‘ — auskommen k6énnen
— so ist das Blindheit.“ Um ,,uns“ und
»unsern Staat“ dreht sich alles.

Auf diese ,,alten“ Theorien wird nun
durch die sogenannte Kapitulation und die
vorbereitende Broschiire neues Licht ge-
worfen. Jetzt nimmt Trotzki einen ganz
offen imperialistischen Standpunkt fir die
Sowjetunion ein. ,,Es ist reinster Unsinn,
so belehrt Trotzki das Proletariat, daBb ein
proletarischer Staat Gberhaupt keine Unter-
nehmen in andern (damit sind Kolonial-
lander gemeint)) Landern benutzen dirfe.“
Dieser Satz ist keineswegs ,,reinster Unsinn“,
sondern ein Schurkenstreich gegen die inter-
nationale Gesinnung des Proletariats, und
eine widerwartige Verteidigung kolonialer
Ausbeutungsmethoden. Man hore Trotzki
nur weiter im Stile eines deutschen Pro-
fessors der Nationalékonomie faseln: ,,der
Charakter (?) solcher (?) sozialistischer (?)
Unternehmungen ... mifte so sein, dab
sie die Wirtschaft und die Kultur der zu-
rickgebliebenen Lander mit Hilfe von
Kapital (1!) Technik .. . zum gegenseitigen (?)
Vorteil (!) beider (bravo!) Lander heben.“
»Das ist kein Imperialismus“, beileibe nicht,
sondern nur _,,sozialistishe Umwandlung
der Weltwirtschaft“. Da haben wir es, nach
diesem Schema wird kinftig die Weltrevo-
lution vor sich gehen; denn ,,einen anderen
Weg gibt es nicht.“ Zur internationalen Ver-
teidigung einer solchen Politik ruft Trotzki
das Weltproletariat auf. Vergessen sind
alle schGnen Theorien tber die notwendige
Revolutionierung des Chinesischen Prole-
tariats, seit es darauf ankommt, eine Theorie
zugunsten der Ausbeutung des Chinesischen
Proletariats zu finden; jetzt gibt es nur noch
das notleidende Miitterchen Rufland —‘Ver-


zeihung: ,unsern Staat“, und das Proletariat
soll ritterlich seiner eignen Leiden vergessen
und seine Krdafte der Verteidigung der
Sowjetunion widmen. Ausgezeichnet, Ge-
nosse Trotzki, jetzt haben Sie uns endlich
einen Schliissel zum Verstandnis [hrer kon-
fusen Glaubensschmerzen gegeben! Die
Widerspriiche in Trotzkis Oppositionsideo-

logien haben sich Seschlossen, es ist jetzt

klar, das fir ihn, sozialistischer Aufbau“
Sleichbedeutend mit »Vaterlandsliebe“ war.
Er hat als guter Oppositioneller dem Vater-
lande da gedient, wo er Licken in der Re-
gierungspolitik sah. Er hat in Arbeits-
teilung mit Stalin die Politik des Russischen
Staates in der Internationale durchgefihrt.

Trotzkis Ausweisung aus Rufland war
SOzusagen ein historischer Irrtum. Man hat
in diesem Lande noch nicht die moderne
»Parlamentarische“ Methode gelernt, mit der
Opposition fertig zu werden. Es war kein
srundstirzender Umschwung, als Trotzki
verbannt wurde, und es wird kein grund-
stirzender Umschwung sein, wenn er zu-
ruckkehrt. Beide Male handelt es Sich nicht
um eine Veranderung der Klassenkrafte
Oder der Klassenlinie der Partei, sondern
beide Male dndert die Regierung eine Me-
thode des Regierens.

Trotzki kann die neue Politik Stalins
als seine Linie anerkennen, trotzdem sie
keine Klassenpolitik, sondern lediglich eine
Politik zugunsten der Industrialisierung“
ist. Trotzki hat keine Klassenlinie und hat
nie eine gehabt, sondern sieht alles vom
Standpunkt einer guten Verwaltung aus.
Vor dem Oktober muSte er die Arbeiter
von Aufstaénden zurtickhalten, weil die Partei
noch nicht ,,reif‘ war. Nach dem Oktober
unterdrtickte er Klassenbewegungen, wie
den Kronstadter Aufstand und die Arbeiter-
oppositionellen Gruppen von Mjasnikow,
Schlapnikow und Sapronow, weil , der Staat“
keine Erschitterungen vertrug. Die Neue
Okonomische Politik mit ihrer kapitalisti-
schen Tendenz wurde von Trotzki_ einge-
leitet, weil ,der Staat< erhalten werden
mubte; er forderte 1926 Staatskapitalismus
und Industrialisierung in richtiger Erkenninis
des Staates usw.

Das Bestehen des bolschewistischen
Staaisapparates ist fir Trotzki die Garantie
des aufsteigenden Sozialismus. Um die Ar-
beiter und den Produktionsproze& kimmert
er sich nur, wenn es »der Staat“ verlangt.
Die Forderungen seines Programms fir die
Arbeiter sind recht klaglich reformistisch.

Trotzki driickt sich um die Klassenfrage
in Rubland herum, und in der Internationale
stellt er sie nur da, wo es dem Sowjetstaat

Trotzki ist daher das
»andere’ Dezernat“ des Sowjetapparates,
keineswegs der  Vertreter proletarischer
Kritik. Sein Spezialgebiet ist die Taktik
der proletarischen Unterstiitzung der Sowjet-
diplomatie, nicht die proletarische Revolution.
Der Vorwurf Trotzkis 8egen Stalin, dah er
»Mational beschraénkt“ sei, {allt also. auf
Trotzki selbst zurtick: er nutzt seinen inter-
national weiteren Horizont aus, um desto-
besser die nationale Beschranktheit“ zu
unterstitzen.

Viele Oppositionelle werden durch den
»Umfall“ Trotzkis schwankend werden. Die
vorstehenden Ausfihrungen sollten zeigen,
dab Trotzki nicht der Vertreter der inter-
nationalen_proletarischen Opposition war,
als der er sich aufspielte, sondern dab er
nur wieder dahin zuriickgefunden hat, von
wo er irrtimlich abgespalten wurde. Die
linke Bewegung verliert in ihm nichts, weil
sie ihn nie besab. Ihr Kampf geht unab-
hangig von Trotzki weiter.

See

Politische Uebersicht.

Der neue Pinfjahresplan, nach dem die
russische Wirtschaft aufgebaut werden soll,
versprach dem Arbeiter sehr viel. Schon
aber tragt er Friichte, die den Interessen
der Arbeiterklasse ins Gesicht schlagen.
Wir zitieren aus dem am 14. 9. vom , Volks-
willen“ ver6ffentlichten Beschlu8 des Zentral-
komitees der WKP. iiber die Ma8nahmen
zur Neuordnung der Verwaltung der Pro-
duktion und der Festlegung der diktato-
rischen Rechte des Leiters:

Die gewerkschaftlichen Organisationen
in den Betrieben, die unmittelbar die tag-
lichen kulturellen und 6konomischen Né6te
der Arbeiter vertreten, miissen zy gleicher
Zeit auch energische Organisatoren der
Produktions-Aktivitat und Selbsttatigkeit der
Arbeitermassen sein.

Die gewerkschaftlichen Organisationen
miissen sich in das Material der ,Produktion’
vertiefen und eigene Vorschlage hervor-
bringen, dabei diirfen sie aber sich nicht
unmittelbar in die Leitung des Unter-
nehmens einmischen, noch weniger sich

aubenpolitisch nitzt.

als die Administration hinstellen, sie miissen
dagegen die ,Jedinonatschalije” (Vereinigung
der Leitung und Verwaltung in einer Hand)


Metadata

Containers:
Box 3 (5-Articles Published in Journals), Folder 4
Resource Type:
Document
Rights:
Date Uploaded:
October 21, 2025

Using these materials

Access:
The archives are open to the public and anyone is welcome to visit and view the collections.
Collection restrictions:
Access to this record group is unrestricted.
Collection terms of access:
The researcher assumes full responsibility for conforming with the laws of copyright. Whenever possible, the M.E. Grenander Department of Special Collections and Archives will provide information about copyright owners and other restrictions, but the legal determination ultimately rests with the researcher. Requests for permission to publish material from this collection should be discussed with the Head of Special Collections and Archives.

Access options

Ask an Archivist

Ask a question or schedule an individualized meeting to discuss archival materials and potential research needs.

Schedule a Visit

Archival materials can be viewed in-person in our reading room. We recommend making an appointment to ensure materials are available when you arrive.