: R I AS PUNKUNIVERSITAT:
Berlin "Dogmatismus, Rationalitat und die
Demokratie"
Prof.Dr.Eugene Rabinowitch, Urbana:
Tllinois (USA)
thers.: Hans-Joach, Kriiger
(Unkorr .Maskr. ) Red: Dr, Kurgrock
Sendung: Mittwoch, 16.12.64
RIAS ITs 22,30 = 23,00 h
16
Die meisten Nichtwissenschaftler sehen in der Wissenschaft
i in erster Linie eine Quelle von Erfindungen, die dazu bei-~
tragen, das Leben angenehmer und abwechslungsreicher zu ge~
stalten, Die Wissenschaft erhoht die Produktivkraft von
Industrie und Landwirtschaft, sie vergréBert die Vernichtungs+
gewalt der Kriegswaffen, sie verbessert die Heilkraft der
Medizin und drtickt heute dem gesamten Leben des Einzelnen
wie auch dem Leben der Nationen ihren Stempel auf. Eine ge
ringere Zahl von Nichtwissenschaftlern stellt sich unter
| * Wissenschaft eine geistige Tatigkeit vor, die unser Ver—
i st&ndnis von der Natur verbessert, Sie denken dabei an den
mit Billionen Milchstrassensystemen angeftillten endlosen
| Weltraum oder an die unglaublich Keinen und kurglebigen Teil~
| chen der subatomaren Welt oder an die spannenden Visionen von
i der Evolution des Lebens vom primitiven Urschlamm bis zum
homo sapiens oder auch an die wundersamen Mechanismen, die das
| Gehirn befahigen, Umweltreize aufzunehmen, sich an Vergangenes
gu erinnern und unserem Kérper Befehle zu erteilen, Aber
gleichgtiltig, ob die Menschen in erster Linie an die "reine"
| oder an die "angewandte" Wissenschaft denken, meist ist
| Wissenschaft in ihren Augen - und tibrigens auch in den Augen
vieler Wissenschaftler - eine Welt fiir sich, Bine bewunderns-—
werte und faszinierende Welt zwar, aber doch eine Angelegen~
heit, die mit anderen Bereichen der physischen oder geistigen
cts
Aktivitat des Menschen nicht tibermassig viel zu schaffen hat,
Und dennoch: Die wichtigste Wirkung der Wissenschaft dtirfte
in ihrem Einfluss auf den Menschen als denkendes und handeln-
des Wesen liegen, in der neuen Art von Disziplin, die sie
seinem Denken auferlegt und in der neuen Freiheit des Denkens
und Handelns, die sie ihm bietet, und zwar kraft ihrer Metho-
den zur Unterscheidung zwischen Wahrheit und Irrtum, ohne die
ein stetiger Fortschritt undenkbar ware. All dies ist von
Bedeutung ~ oder sollte doch von Bedeutung sein! — ftir einen
sehr viel weiteren Bereich der menschlichen Ideenwelt und des
menschlichen Tuns.
+O
In der vorwissenschaftlichen Ara bestand Wissen zumeist aus
offenbartem Dogma, Zweitausend Jahre lang wussite die christ-
liche und die hebrdéische Welt, wann und auf welche Weise das
Universum geschaffen wurde und woher die Sterne, die Pflanzen
und die Tiere kamen, und zwar ganz einfach deshalb, weil es
in der Bibel beschreben und weil die Bibel die offenbarte
Wahrheit war. Eine Alternativméglichkeit zur Gewinnung von
Wissen bestand in der logischen Folgerung aus fundamentalen
Postulaten, die, wie etwa die Postulate der EUKLIDISCHEN
Geometrie oder die "Kategorien" der KANTschen Philosophie,
als selbstverstindlich oder unmittelbar gewiss vorausgesetzt
wurden.
Aber weder das auf offenbarter Wahrheit noch das auf philoso-
phischen Postulaten beruhende Wissen gelangte je zu weltwei-
ter Anerkennung. Jede Religion hatte ihre eigene Offenbarung
- betreffend den Ursprung der Welt oder die Seelenwanderung
oder den Lohn und die Strafen, die uns im grossen Jenseits er-
warten, Auch das auf philosophisaven weriiende Wissen ges
stattet unendlich viele Alternativen,. Die auf Religion und
Philosophie basierende Geistesgeschichte war eine Geschichte
des staindigen Auf und Ab und des ruhelosen Pendelns zwischen
GewiBheit und Zweifel, eine Geschichte der Konflikte zwischen
Dogmen, die ftir die einen unantastbar und ftir die anderen
ketzerisch waren,
Be
Dagegen ist die Wissenschaft die einzige Methode zur Wahr-
heitsfindung, die solchem Auf und Ab keinen Raum gibt. Zwar
vermag auch sie nicht ohne gewisse grundlegende Postulate
auszukommen, die zum grossen Teil willkiirlich sind, aber sie
pehandelt diese Postulate lediglich als vorléufige, hypothe
tische Verallgemeinerungen, die damit stehen und fallen, ob
sie es gestatten, experimentell verifizierbare Vorhersagen
ga treffen, Nachdem die moderne Wissenschaft geboren war,
herrschte in ihr noch geraume Zeit = gleichsam als Reminis-
geng aus der vorwissenschaftlichen Ara - die Tendenz zur
Errichtung eigener Dogmen, Als die Fundamentalgesetze der
klassischen Mechanik durch die Beobachtungen der Himmels-—
korper best&étigt werden konnten und die kinetische Theorie
der Warme eine einfache mechanische Erklérung des Verhaltens
der Gase erméglichte, hatte es eine Weile den Anschein, als
sei das Bild des Universums als Anhdufung von Teilchen, die
den Gesetzen der klassischen Mechanik der festen Kérper ge~
horchen, endgiiltig und unumstdsslich, Gegen Ende des 19, Jahr-
hunderts war diese Vorstellung bei gebildeten Nichtwissen-
schaftlern weit verbreitet,. Fir sie bestand das Universum aus
nichts anderem als Materie~teilchen, die sich getreu den Ge~
setzen der NEWTONschen Mechanik im unendlich ausgedehnten
leeren Raum bewegter. Und genau das ist es, was sich das Laien-
publikum letgtlich unter dem Weltbild der Wissenschaft vor—
stellte und zum Teil noch heute vorstellt: Materieteilchen
und Bewegung vor Materieteilchen. In dieser Form ging die
Wissenschaft ii die Lehre von MARX ein, die schlechterdings
alles zu ein-r "Form der Bewegung von Materie" deklarierte,.
Aber scho-im t,Jahrhundert war dies System durch die
HUYGHENSche Wellentheorie des lichtes unterminiert worden,
Und +4 196 Jahrhundert etablierten die Entdeckungen auf dem
Getet. der Blektrizitét und des Magnetismus das elektromagne-
a
tische Feld als eine neue und gusdtzliche Grundtatsache der
Natur, die indessen nicht auf die Mechanik der festen Kérper
redugiert werden konnte. Im 20, Jahrhundert wurde eine
Synthese zwischen den Vorstellungen von der Wellennatur und
der Korpuskularnatur des Universums gefunden, Der Preis daftir
war hoch genug! Die Quantenmechanik entaéuBerte sich beztiglich
der Vorginge im Bereich der Elementarteilchen des Kausalitats—
prinzips und ersetzte es durch statistische Relationen,.
Ein weiteres Erdbeben in den Gefi lden der Wissenschaft er~
eignete sich, als sich die bis dahin als absolut unumst68lich
erachteten Kategorien von Zeit und Raum im Lichte der Ere
kenntnisse physikalischer Experimente als revisionsbedlrftig
erwiesen, Die klassische Mechanik von NEWTON wurde auf den
Status eines Spezgialfalles im Rahmen der umfassenderen rela~
tivistischen Mechanik von EINSTEIN abgewertet, insofern als
ibre Giiltigkeit auf im Vergleich zur Lichtgeschwindigkeit
langsam ablaufende Bewegungsvorginge beschradnkt wurde.
46
Quantenmechanik und Relativitdtstheorie brachen den Stab
liber jeglichem Dogmatismus in der Wissenschaft. Heute ent-
hélt diese nicht ein Grundpostulat, das in Prage zu stellen
verboten wire. Vor wenigen Jahren wurde das Parit&étsgesetz,
das die unumschraénkte physikalische Gleichwertigkeit eines
Systems und seines Symmetriebildes postuliert, von den jungen
chinesischen Physikern YANG und LEE in Amerika angefochten
und fiir unzuldnglich befunden. Die Resultate bestimmter Expe-
rimente widersprachen den Erwartungen, die aus diesem Gesetz
gefolgert werden mussten, und es zeigte sich stattdessen,
dass die Natur bei gewissen nuklearen Ereignissen einen Unter~
schied zwischen dem rechten und dem linken Drehsinn macht,
Wenn die Gesetze von der Erhaltung der Energie, die die Er—
haltung des mechanischen Moments einschliessen, noch nicht
das gleiche Debakel erlitten haben wie das Paritdtsgesetz,
dann nicht etwa deshalb, weil sie tiber allen Zweifel erhaben
wdren, sondern weil bislang noch niemand ein Experiment er~
~ 5. ~
dacht oder ein kosmisches Phénomen beobachtet hat, das dazu
angetan ware, ihnen zu widersprechen, Die Suche nach einem
solchen Phinomen ist niemandem untersagi, und wer sie unter-
nimmt, wird deshalb nicht als "“unwissenschaftlich" disquali-
fiziert, Die Wissenschaft unterzieht ihre grundlegenden An-
nahmen fortwahrend der zweifelnden experimentellen Uberprti-
fung, Den Studenten wird nicht nur gestattet, sondern gerade-
gu nahegelegt, die Ergebnisse der fithrenden Vertreter ihres
jeweiligen Fachgebietes in Zweifel zu ziehen, Die Kehrseite
der Medaille ist, dass keine Kritik an alten Theorien und
keine neve Alternativtheorie in der Wissenschaft ernstge-
nommen, sofern sie nicht experimentell nachgeprtift werden
kann, Kein Wissenschaftler kann mit einer neuen Theorie
herauskommen, ohne wenigstens eine Méglichkeit zur experimen~
tellen Verifizierung anzugeben; kein Wissenschaftler darf die
Beweiskraft des Experiments anfechten, mag es seine Theorie
nun sttitzen oder widerlegen. Diese standige Selbstkritik,
diese Offenheit gegentiber der Kritik des anderen hat es der
Wissenschaft ermdglicht, trotz aller Umwalzungen hinsichtlich
der Struktur ihrer Begriffe zu gedeihen und Portschritte zu
erzielén, Die neuen Erkenntnisse haben den Gtiltigkeitsbereich
des frtiheren Wissens immer nur eingeschrankt, ohne ihn in-
dessen ganz zu zerst6ren. Das Geb&ude hérte nie auf zu wachsen,
wihrend die Rlistungen erweitert oder abgebaut oder durch neue,
bessere Riistungen ersetzt wurden,
Der spektakuldre Erfolg dieses undogmatischen, experimentellen
Vorgehens in der Wissenschaft brachte die Frage auf, ob ein
solches Verfahren nicht auch auf andere Gebiete des mensch~
lichen Seins und insbesondere auf das gesellschaftliche und
politische Leben anwendbar sei. Kein ernstzunehmender Wissen-
schaftler erhebt den Anspruch, dass die Wissenschaft auf
ausnahmslos alle Aspekte des gesellschaftlichen lebens ange-
wandt werden und simtliche Probleme des Hinzelnen lésen kénne}3
aber je mehz die Wissenschaft das Leben des Hinzelnen und der
-~- 6 =
Volker durchdringt,.umso gefahrlicher wird die Aufrechters
haltung vieler aus der vorwissenschaftlichen Vergangenheit
tiberkommener dogmatischer Attitiiden..
Ein gutes Beispiel hierftir ist das Bevélkerungsproblem, Nach
der dogmatischen Meinung der katholischen Kirche sowie eini-
ger Religionen des Fernen Ostens ist die Vermehrung des
Menschengeschlechtes ein gdttliches Gebot und die ktinstliche
Binschrankung der nattirlichen Fruchtbarkeit stindhaft. Aber
die durch fortschreitende Verbreitung von Hygiene und vorbev-
gender Medizin innerhalb primitiver Gesellschaften bedingte
Erhohung der Lebenserwartung hat dort das langgewohnte Gleich-
gewicht zwischen Geburt und Tod véllig tiber den Haufen gewor~
fen und dazu geftihrt, dass die Bevélkerungszahlen alljaéhrlich
um 2 oder 3 Prozent anwachsen und sich im Verlauf einiger
Jahrzehnte jeweils verdoppeln. Diese "Lebenstatsache" im Zeit~
alter der Wissenschaft hat das Festhalten an dogmatischen
Ansichten in Bezgug auf die menschliche Fruchtbarkeit zu einer
ernsten Gefahr ftir Stidostasien, Lateinamerika und letaztlich
auch fiir die ganze Welt werden lassene
Bin weiteres Beispiel liefern die Rassenbeziehungen und
Klassenstrukturen in vielen Lindern. Der Glaube der weissen
Bevilkerung in den Siidstaaten des gegenwairtigen Amerikas
oder der Oberschicht im vikturianischen England, dass jeder
je nach seiner rassischen oder sozialen Herkunft in einen
pestimmten gesellschaftlichen Status "hineingeboren" wird, -
tragt den Realitaéten der wissenschaftlichen Revolution kei--
neswegs Rechnung. Die Wissenschaft hat die Legende von der
grundsitzlichen erblichen Ungleichheit zwischen Menschen ver-
schiedener Hautfarbe und sozialer Herkunft zerstért oder
doch in ihrer Bedeutung erheblich eingeschrankt. Da die
technologische Revolution Handarbeit in steigendem Mage tiber~
fltissig macht, ldsst sie die Fortbildung aller Glieder der
Gesellschaft und ihre Umschulung auf anspruchsvollere, ver-
antwortliche Tatigkeiten ohne Riicksicht auf die genannten
Rassen- und Klassenunterschiede zu einem gwingenden Erforder—
nis werden, Die einzig mégliche Alternative ware die Ent-
stehung einer standig wachsenden Masse von ungulanglich quali-
fizierten jungen Arbeitslosen, die unweigerlich die Gesell-
aie
schaft in ihrer Substang gefdhrden wiirden, Auch hier mlissen
traditionsgebundene Einstellungen der vorurteilsfreien
wissenschaftlichen Betrachtungsweise, der pragmatischen
Bereitschaft zum Experiment und der Bevorgugung der Er—
fahrung gegentiber dem Dogma weichen.
- Fortsetzung Seite 8 ~
e@ 3
6.
Jede Gesellschaft bedarf gewisser stabiler Prinzipien, wenn
das Gemeinwesen gedeihen und funktionieren soll. Die Starke
und Stabilitat cer Monarchien griindete sich auf die weitge-
hende Anerkennung des Dogmas vom Gottesgnadentum der Konige.
Der Glaube an Gie ererbte nationale oder kulturelle Htherwer-
tigkeit diente als Fundament fiir das Sntstehen der Weltreiche,
angefangen vom rémischen Weltreich und vom antiken Israel bis
zum britischen Empire der Neuzeit. Das Dogma von der Uberlegen-~
heit und besonderen Berufung der "nordischen" Rasse ermoglichte
die - gliicklicherweise nur sehr kurze ~ Herrschaft Deutschlands
iiber Buropa. Der Kommunismus proklamiert eine &hnliche Hoher-
wertigkeit der "Proletarier" iiber alle anderen Klassen, und er
postuliert, da8B die biirokratische, staatlich geplante und
gesteuerte Wirtschaft allen anderen Wirtschaftsformen a priori
iiberlegen wei. Die kommunistischen Glaubensartikel waren der
Motor zum Aufstieg dessen, was noch 1917 ein schwacher Rumpf-
staat im Herzen des historischen RuSlands war, zu einem der
michtigsten Imperien der Geschichte, das tiber seine Statthalter
gahlreiche Nachbarlander beherrschte. In jeder Nation und be-
sonders in Diktaturen bedient man sich mit Erfolg eines Dogmas
zur Heranbildung never Herrengenerationen und zur Entmiindigung
vieler Millionen Untergebener.
Te
Die Xealitaten des Lebens im Zeitalter der wissenschaftlichen
Revolution lassen Staaten und Gesellschaften, die den Glauben
an eine angebliche Binzigartigkeit und Uberlegenheit, an eine
"unbestreitbare Berufung" zur Beherrschung anderer kultivieren,
gu einer Gefahr fiir die gesamte Menschheit werden, Was wir
heute brauchen, wenn das Fortbestehen der Menschheit sicher-
gestellt werden soll, ist die Entwicklung von Gesellschaften,
in denen Stabilitd&t, die nur aus einer alle Klassen und
Schichten erfassenden und fiir viele Generationen giiltigen
Gemeinsamkeit der Vorstellungen kommen kann, und Flexibilitat,
d. h. die sehlichte Bereitwilligkeit zur Anpassung an neu in
Erscheinung tretende Tatsachen der menschlichen Bxistenz, in
der richtigen Proportion miteinander kombiniert sind. Die in
unserer Zeit aus der wissenschaftlichen Revolution erwachsenden
neuen Brfordernisse, etwa die plétzliche Notwendigkeit zur
= 1) &
Bliminierung des ‘rieges als “ittel zur Austragung internatio-
naler Zwiste, sind so akut und gwingend, da® die "richtige"
Mischung aus Stabilitat und Plexibilivat im Vergleich gu
frtiher sehr viel mehr Plexibilitaét und sehr viel weniger Stabi-
Jitat enthalten mu8. Wir leben in einer Ara noch nie dagewe~
sener Veranderungen, was sich daran erweist, da8 die meisten
Dinge, die’ die Blterngeneration auger der Sprache und der
Arithmetik in der Schule gelernt hat, schon ftir die Generation
ihrer Kinder kaum noch von Nutzen sind, und da8 sich die Lehrer
nahezu alljéhrlich Fortbildungskursen unterzichen missen.Was
vor 20 Jahren selbstverstindlich war, ist heute absurd, und
das Unmégliche ist nach 20 Jahren sur alltaglichen Routine
geworden, Bine Gesellschaft, die sich dem auf sie einstiirmen-
den Wandel nicht anpagt, ist dem Untergang geweiht und kann
einen groBen Teil der Menschheit mit sich in den Strudel der
Vernichtung reiBen. Der dusspruch des MEPHTISTOPHBLSS ¢
"Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage; weh Dir, daB Du ein Enkel
vist" ist heute unendlich viel wahrer als zur Zeit GORTHEs, der
Zeit der AufklArung und der Franzésischen Revolution,
8.
Die Demokratie begann als Hebellion gegen die vorherrschenden
sogialen, dkonomischen und politischen Dogmen(wie etwa das
Gottesgnadentum der Kénige und die sogiale und politische
Bevorrechtung der Aristokratie). Wahrend sie die DYogmen der
Vergangenheit tiberwand (was iibrigens nicht restlos und auch
nicht iiberall gelang) konnte die Demokratie doch nicht ganz
vermeiden, daB neue Dogmen errichtet wurden. In Amerika bei-
spielsweise hat sie Gen Glauben an die Unantastbarkeit des
privaten Besitzes und die Identifizierung der ‘nteressen der
pesitzenden Schichten mit den Interessen der Gesellschaft
insgesamt zu einem solchen neuen Dogma erhoben; man erinne re
sich des beriihmten Ausspruchs; "Was ftir General Motors gut
ist, ist gut fiir Amerika." Auch der Glaube, dag alles(auBer
dem Krieg!) besser durch gewinnmotivierte Privatinitiative als
durch organisierte gemeinschaftliche Bemlihung der Gesellschaft
erreicht werden kann, gehért dazu. Da die westliche Demokratie
ihren Ursprung im Aufbegehren gegen den Absolutismus fand, der
oftmals von fremden Monarchen ausgetibt wurde, pflegt sie einen
|
|
- 10 -
tiberlieferten Glauben an Jie absolute RechtmaBigkeit der natio-
nalen Souverdnitaét und das unantastbare Recht eines jeden
Staates, innerhalb seiner Grenzen gang nach eigenem Wunsch
und Willen gu verfahren; und gwar auch dann, wenn sein Tun =
wie in Deutschland nach 1933 - eine ernste Bedrohung fiir alle
anderen Nationen bedeutet, Der Glaube an die Prinzipien der
"“Selbstbestimmung der Nationen" und der "Nichteinmischung in
die inneren Angelegenheiten anderer Nationen" erreichte seinen
Héhepunkt unter der Prdsidentschaft von WOODROW WILSON, Und
er besteht noch immer, obgleich es klare Beweise daftir gibt,
da8 das Streben nach nationaler Souverdénitaét und sSelbstbe~
stimmung,eine durchaus fortschrittliche Kraftwirkung vor
einem Jahrhundert, heute den Fortschritt hemmt und eine Gefahr
fiir das Uberleben der Menschheit darstellt. Der Glaube, das
das Individuum nichts besseres fiir die Gesellschaft tun konne,
als sich um seinen eigenen Aufstieg, insbesondere in materiel-
ler Hinsicht, zu bemtihen, oder dag eine Nation der Menschheit
den besten Dienst dann erweist, wenn sie ihren Wohlstand und
ihre Macht zu mehren trachtet, ist ein Dogma, das angesichts
dex Tatsachen des Lebens im Zeitalter der Wissenschaft nicht
mehr haltbar ist.
96
Obgleich die Demokratie diese und noch viele andere dogmatische
Losungen eingefiihrt hat, stellt sie im Grunde doch die Wahrung
der Gedanken- und Redefreiheit tiber alles und ist deshalb unter
dem Aspekt der Pahigkeit zur Yandlung, sooft Wandlung vonnéten
ist, noch immer die beste aller bekannten Gesellschaftsformen,
Hier und da im Verlauf der jtingsten Geschichte mag der Anschein
erweckt worden sein, als nehme die Demokratie im Vergleich Zu
einer diktatorischen oder obigarchischen Staatsform langsamer
tehren an; und es trifft zu, daB in letzterenimmer nur ein ein-
aziger Anftihrer oder eine kleine Fihrungsgruppe von der Notwen~
digkeit einer Verinderung tiberzeugt werden mug, wahrend es im
demokratischen Staat einer weitgreifenden Neuorientierung der
offentlichen Meinung bedarf, bevor MaBnahmen ergriffen werden
konnen, Daftir mugen die Demokratien in der Vergangenheit einen
hohen Preis zahlen. Die Unfahigke it der Vereinigten Staaten,
Westeuropa 1940 gur Hilfe zu kommen, als Frankreich am Zusammen~
pruch war, fiihrte zu dem Debakel von 1941 bis 1945. His waren
gewaltige Opfer und Anstrengungen notig, um die Plut der
2 Aq =
Aggression im pagzgifischen Raum und in Europa gurtickzuschlagen,
Aber bisher war der Vorteil guletzt immer auf Seiten der
Demokratien. “s zeigte sich, daB sie gréBeres Stehvermégen und
ungeachtet ihrer Langsamkeit ein einfallsreicheres Anpassungs-
vermdgen aufzuweisen hatten als die schneller agierenden, aber
im Grunde doch starren diktatorischen Regi mes. Auch in der
gegenwartigen Auseinandersetzung zwischen den um Moskau und
Peking gruppierten kommunistischen Staaten und dem demokrati-
schen Westen wird auf lange Sicht der Vorteil bei den Demo-
kraten liegen, trotz der Paéhigkeit der totalitdren Staaten,
durch Mobilisierung aller krafte auf einem ausgew&hlten Gebiet
rasche Portwchritte gu ergielen. In der Rtickschau sind die
sozialen und wirtschaftlichen Verdinderungen, die dem Westen -
von Australien und Neuseeland tiber Westeuropa bis zu den Ver-
einigten Staaten ~ in den vergangenen 50 Jahren gelungen sind,
bewunderungswiirdig. Das Bestehen der politischen und intellek-
tuellen Freiheit hat die Umwandlung des primitiven, inhumanen
Kapitalismus in ein ganz wesentlich verbessertes System ermdg~
licht, in dem es weniger Klassenschranken und eine breitere
Streuung des Besitzes gibt als in diktatorischen Gesellschaften,
die offiziell die Beseitigung Skonomischer Privilegien auf
ihre Fahnen geschrieben haben.
10.
Wir miissen hoffen, da8 die Demokratien auch angesichts der
groBen Anforderungen der wissenschaftlichen Revolution nicht
aufhéren werden, ihre Fahigkeit sur %elbstkritik und zur Bin-
fiihrung von Verbesserungen im eigenen Haus unter Beweis zu
stellen. Bs bedarf dagu der Uberwindung des Dogmas von der
nationalen Souverainitdt und der um die eigenen Belange krei-~
senden Nationalpolitik. Die 6ffentliche Meinung in den demo-
kratischen Landern muB die latsachen des Lebens im Zeitalter
dex Wissenschaft begreifen und die nétigen Konsequenzen daraus
giehen. Zu diesen Tatsachen gehdrt, daB es nationale Sicher-
heit im tiberkommenen Sinne, d. h. eine auf die Fahigkeit zum
Schutz des nationalen Territoriums und der Bevélkerung vor der
Kriegszerstérung gegriindete Sicherheit, nicht mehr gibt. Zu
den neuen Tatsachen gehort ferner, daB der Ersata der Verteidi-
gung durch eine Abschreckung, die die nationale Sicherheit der
eae
einen Nation von der Rationalitét des potentioellen Gegners
abhingig macht, kein geeigneter Weg ist. 4s hat sich gezeigt,
dag die Herbeifiinrung der Sicherheit fiir die ganze Welt durch
eine diesem Zweck dienliche internationale Organisation und
durch international tiberwachte Abriistung die eingige Alter-
native ist, wenn die Menscleit nicht fortw&hrend im °chatten
der nuklearen Katastrophe leben will. Die Offentlichkeit in
den Demokratien mu8 verstehen lernen, daB die Anstrengungen
gur Verwirklichung nationaler Anliegen, so berechtigt diese
besonders dort sein mégen, wo es um die Wiedervereinigung
gwangsweise geteilter Nationen geht, gegeniiber den Anstrengun-
gen zur Vermeidung der gemeinsamen Katastrophe eines Kern-
waffenkrieges auf den zweiten Platz verwiesen werden miissen,
auch wenn dies in der gegenwirtigen Situation den Verzicht auf
Versuche zur #inderung der de facto bestehenden Regimes und
Grenzen bedeutet, Die 6ffentliche Meinung in Jen Demokratien
muB erkennen, daB eine engstimmig nur auf das eigene nationale
oder auch kontinentale Gemeinwohl zentrierte Wirtschaftspolitik,
die einer Verschlechterung der Wirtschaftslage in anderen Tei~
len der Welt desinteressiert gusieht, heute im Zeitalter des
weltumspannenden blitzechnellen Nachrichtenwesens und der engen
wirtschaftlichen Wechselbeziehungen zwischen allen Teilen des
klein und tiberschaubar gewordenen Globus unrealistisch und
gefahrlich ist,
Wenn sich die Demokratien bei der Anpassung an die neuen
Existenzbedingungen des wissenschaftlichen Zeitalters als au
langsam erweisen, wenn sie es nicht verstehen, sich rechtzeitig
von den politischen und wirtschaftlichen Dogmen gu trennen, die
auf die verdnderten Lebensbedingungen nicht mehr passen, dann
ist es um die tberlebensaussichten der Menschheit im wissen-
schaftlichen Zeitalter in der Tat schlecht bestellt. -