Lowe, Adolf re: Hans Jonas, Undated

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Prof. Dire Adolt Lowe
1125 Grand Concourse

New Youk, Mow, Kors, 10452 Novenber 28, 1978

Lieber Adoiet

Anbel, sehicke ich Dir dle Abschrift meines Briefes
unt melne Aufzelehnungen ueber Jonas, dexen Inhalt
ich elgentiich an vergangenen Sametag mit Dir hatte
beeprechen wollen, Bitte Iles und glib mir bitte, wenn
moegiich, tetefenisch Delne Analeht.

Du siehst, Jonas hat mich sehy anyeregt und Ich
bin inm sehr denkbar dafuer,

Wie immer,
Dein Hans

Audage

November 28, 1975

ts war mir ein Eriebnia, den Vortrag von Hans Jonas su hoeren

a danach sein viertes Kapitel (im Manuskript) “Das Gute, das
Sollen und das Sein, Theorle der Verantwertung” gu lesen, Fuer
Tage hat wich nicht nur sein gescheites Denken beelndruckt, son+
dern es war sein jugendhatt geniales Wesen, das in dem neuen Pine.
den einer substantiellen Ethik gum Ausdruck kam,

ich ging vom Vortrag nach Hause unter dem Eindruck, dasa Jonas
wixkiich eine neve ethiache Theorie anzeigte, die er mit dem
gweckhaften Sein alg solchem und dem damit verbundenen Guten an
sich als absolutem Wert begruendet, dey sich in der uns gegebe~
nen Verantwortiichkeit offenbart und, ale innere P£licht qekernnzeich=
net, verfolgt werden muge, Es ist eine in die Zul Et welsende,
nicht formalistisch statische doch substantielle Bthik, Als Proto«
typ dieser Ethik tet die elteriiche Verantwortung fuer das Kind
genoumen, Davon abyeleiter ist die Verantwortung gegenueber der
Gemeinschaft oder Geselischaft., Als Protetyp ist hier der Verante
wortung tragende Staatemann in seiner historischen Entwicklung ge~
nommen. Darueber #teht jedoch dle verantwortLiche Verpglichtung
gegenuebar der Zukunft dex Menschheit.

Dann ise ich das vierte Kapltel, um die theoretische Fundlerung
verstehen au koennen. Die ersten Abschnitte machten mir groeaste
Sohwierigkeiten, und ich weies nicht, ob ich sle wiriticn in dhrer
Absicht begriffen babe, Ich hatte nooh das Bitern-Kind-Verhael trie
im Gedaechtnis ale naturgegehenen Seinuzweck, wo Sollen und Wollen
von innen heraws veberbrueckt sind, Die ioe way fuer mich “whet
uebertraeyt Jonas diesen naturhaften deterministischen Willen in eda
ne ethische Theorie?

Er sagt auf Seite 165: "In der Faehigkeit (dew seins) neberhaupt
twecke gu haben, koeennen wir ein Gut an sich sehen, von dem intule
tiv gewles Let, dass es (der Annahme) aller awecklosigkelt des Seina
unendiich veberiegen iat." Man muas "dem Sate von der Selbetbegiau-
bigung des Zveckes ale selchem bedp¥iienten und thn ale ontologs«
Axiom untereteiien.” Noun zu meiner ereten Frage: Jenas sagt
Seite 167; "Die generische Mannigvaltigheit (der Natur) ist selber
eine golche Auswahi, von dex sich unnoaglich sagen Laeaet, ob ele
immer dle "beste" war, deren Kvbaltung aber gewlas ein Gut gegenueber
der Alternative der Vernichtung ader Varkuemmerung let." Ist es moeg=
dich, von einem "Gut" ia dem organischen Leben der Natur au aprechen,
_ Wo der deterninierte Selbaterhaltungatrieb der Natur doch mur edn
organisches gie4; als solches bewelet, weiches keineswegs
wit der Geltung von "gut und schiecht (Seite 165) in Begziehung ge«
Betzt werden kann, Bret da shen" als Lebeyasen manifestiert eich
dar Lebenseveck (nicht nur das organische Ziel), Muss man daher nicht

veaantlich gwischen Zwecke und determiniertes 2 di ce ate
pd pe x “lelhaftigkeit unter

Jonas sagt ja selbat, dass "dag Ja” (eincgafaechriich symboilieche:
Wort) denn ¢a achiieast ja den bewwesten 4uapruch gur treveltung edn)
allen Strebens Let hier® (im Menschen) " verschaertt durch das aletive
Nein gum Nichtsedn, Durch das verneinte Nichtsein wird das sein gum
positiven Aniiegen, d.h, sur staendigen Wahi seiner Seibat,." "Obliga~

[ate

Zam

torische Kraft gewlnnt dieses blind sich auswirkende da in der
gsehenden Freihelt dea Menschen, die ale hoechstes Ergebnia der
gweckarhedt der Natur” (geht dlese metaphysieche Behauptung nicht
wiel gu wait?’~ schadet aie nicht seiner theoretiachen Entwici
Lung?) "nicht mehey einfach deren weiterer Volistrecker ist, sondern
mit dex vom Wissen bezogenen Macht auch ihr Zerstoexer werden kann.
Br muse dae Ja vebex sein Wollen uebernehmen und das Nein gum Nicht»
sein seinem Koennen auferiegen" (also zu einem So1lL machen), Bret
im Menschen ist also dey Vehergang von und gyecishas”
des Seins, welches sein Letter fuehrender und best mmender
nhaitiicher substantieller Wert ist. Ist diese Unterscheidung Zlel~
haftigkelt der Natur und Zweckhaftigkeit des Menschen nicht eine
wesentiiche Vorauasetzung fuer elne Ethik des freien willens?

Meine gweite Frage hat mit dex Pfiichtenkehret gu tun, Es ist die
Frage dee "Wages" von dem abetrakten Ansoruch des An-sich-Seins des
Wertes oder des Guten sum geitidehes Landeln und eu seiner Exfuellung.
Hier igt eine entecheidende Sdhwierigkeit in meinem Verstehen.Wenn
ein substantieller Wert an eich gegeben ist, ist auch ain Imperativ
der Sittiichkeit mit-gegeben, Jonas epricht von Walten durch Nexrmen
und mit der Hilge von der Beachraenkung ‘des elgenen einaigartigen
Naturerbes der Willkuer", By spricht davon, dane “in Handeln soweit
es im Wettbewerb der Zweoke fyei ist, der Neaturaveck noch einmal aun
gveck gesetut wird. Jonas sagt wohl in einer Fussnote, dass dag
“wertsein" des Zweckes, Korrelat des Wuenschens, vielfaeltig vorbe«
atimmt ist vom Triebleben, Umwelt, Vorbiid etc, Aber das Gute in

der Welt ist doch vor Allem vorbestimmt, Jedoch der frele Wille

kann Wilikvuer und Verneinung beverszugen. Wao ist dies "Etwas", das
die Waage zum Tippen bringt guguneten des Guten, als Sache der
Welt? "Dag unabhaengige Gute kann den freien Witlen nicht swingen
(Seite 170) « doch kann es ihm Anerkennung abnoetigen GON»
dass dies seine Pfiicht waere, und gwar Anexkennung durch das Gefuehs,
der Schuld?® » (eine psychologische Reatttion). “Wir sind dem Guten
das Seine schuldig gebileben.” Wie koennen wir, wenn wir dn dex "Une
texacheldung gwischen Begehren und Solien" fuer das Gute wegen dea
folgenden Schuldgefuehis optieren - von einer "Gewléchelt" sprechan,
dasa das Tum um selner "Selbst wiiien” getan werden musste? Ist aie
Selbatbevertung, dase wir ein “hoeheres Selbst! durch “gut handein”
werden, eine positive Belohnung (ein positiv peychologisecher Erfekt)?
Ist dies Sittengesetz der Saibstiosigkeit oder Selbetueberwindung ‘
erforderiich, um "den Appel. dee moeglichen an sich Guten in der Welt.
das dem Willen gegenuebexsteht, Gehoer gu verachaffen?" Let és nicht
die "rationile" Anexkennung oder “Einsicht" des Weltaweckes als sol-
chem /éntscheidend: lat fuer das eittaiche Handeln? Warum sind also
diese Avetuehcungen ueber foxmalas Vexrhalten wie veber Wert und Gut
und Selbstloge Moral” notwendig?

innen hex triebhagt bestimnten Menschen zu tun, wie @.B, der Mutter
eines Kindes, Im letzten Grunde kommt es doch bei Jonas nicht aug
yeraniwo eG..d8 a, den

wo Qom

Wiehtiger iat, waa Jonas ueber die ricbtungsgebende Bineleht und
die Pfiioht sagte Seite 17li"Be wacht mir eur Priicht, wae die
Bineleht ale von meiner Lelatung beduerftig autwelet.” Un den
Witien dazu en bewagen, musa der Menach affielerbar sein » Unsere
ine Splel konmens "Und nun Liegt es im Wew,
: atur, dase dex Appell, wie dle Binsicht
dn unserem Gefueh), Findet." Ea lat
ety pheit.» Gelte 172: “Dass das Gefueht
an it ase das objektive Gute eine Ge«
2 villen gewlnne « dass also Moral, die den Af«
fekter, gebleten sali, selber des Affektes hedart ~ war den Moral»
philosoghen salt jehar bewuest, Daa "“Verantwortungeagefueh," jedoch
war nicht unter den postulderten Gefuehlen ais affektive Elemente
dey Ethik, Das Warum dieser Abwaserheit let es, was Jonas gzelgen
wilh. (Hat er dies wiririich fuer das Kind-Bitern-Verhaeitnis bee
antworket?) Ich fuexrchte nein,

Ais relnon und peimacren Protetyp nimat Jonas das Verhaelinia von
Bltern und Kind, In seiner Schilderung kommt dag von Natur gebua-
dene, verpfilehtende Verhalten heraus, Be iet ein Vexhalten, daa
eine Zlelhartigheit in eich traeyt, Eu ist eine Doppelbindung von
Natur aus und von dem Bewussteein ueber diese Naturgebundenhedt.
ou, (Ble erstere Dindung fehlt beim Steatemann. Wenn ich es recht
verutehe, lat ea eln iuneres elngeborenes, detexminiertes Verhal~
ten in den Bltern, welches dle Grundlage bietet und su dem Jpn
: dae bewugste Gefuehl dex Verantwortung hinautritt.

go dieser Prototyp Eltern:- "ind ist ein hesonderer Fall awiechen
Naturpredeterminiams und waadger fredem Willen, und doch letatLich
selbathowusster Verantwortung, Eaotet: elid Uebbrgahygatern..van dex
Blelhaftigkel? der Natur in die gweckhaltigkelt dea Menechen, Nahe
ich das richtig gesehen?

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